Streuobstwiesen in Waldalgesheim

Von Horst Sinß und Herbert Sommer

Streuobstwiesen sind keine neuzeitliche Erfindung. Hochstämmige Obstbäume in der freien Landschaft haben auch in unserer Region eine lange Tradition und waren frü­her fester Bestandteil der bäuerlichen Landwirtschaft. Die Bäume stehen locker ver­teilt in Wiesen, die als Mähwiesen für Heu oder – zumindest früher – direkt als Vieh­weide genutzt wurden. Auch Obstalleen gehören zum Streuobstanbau. In der evangelischen Schulchronik von Waldalgesheim berichtet Lehrer Wilhelm Stark (Lehrer und Organist seit 1899), dass im Jahre 1900 in Waldalgesheim 7955 Obstbäume gezählt wurden! Daraus wird deutlich, welchen Stellenwert der Obstanbau in dieser Zeit als Teil der Landwirtschaft hatte. Ihren Höhe­punkt erlebte die Streuobstkultur etwa in den 1920er und 30er Jahren. In den 30er Jah­ren lag ein wesentlicher Grund in der Landwirtschaftspolitik des Dritten Reiches. Die Selbstversorgung der Bevölkerung in jeglicher Hinsicht sowie Deutschland von aus­ländischen Einfuhren unabhängig zu machen waren die großen Ziele. So stammt auch ein Großteil der heutigen Streuobstbestände in der Waldalgesheimer Gemar­kung aus dieser Zeit. Sie waren damals von der Gemeinde gepflanzt worden.
Bis in die 1950er-Jahre war diese Form des Obstanbaus landschaftsprägend und von besonderer ökologischer Bedeutung. Durch Intensiv-Landwirtschaft und Neu­baugebiete wurden in den Folgejahren in vielen Regionen die Streuobstwiesen stark dezimiert. Verstärkt wurde der Rückgang in den 50er bis 70er Jahren auch durch verschiedene nationale und EG-Rodungsprogramme. Ein übriges tat die Flurbereini­gung dazu. Durch Zusammenlegung und Planierung wurde die Landschaft – bei­spielsweise in Rheinhessen so in großem Stil geschehen – großflächig ausgeräumt. In Waldalgesheim gibt es, zumindest auf gemeindeeigenen Flächen, zum Glück noch beachtliche Bestände.
Seit Anfang der achtziger Jahre findet eine Belebung des Streuobstanbaues statt. Vor allem Naturschutzgruppen, Vereine und kleine Initiativen in Dörfern haben erheblich zu einer Wiederbelebung des Streuobstanbaues beigetragen. Darüber hin­aus gibt es vom hauptamtlichen Naturschutz Bestrebungen den Streuobstanbau wegen seines positiven Einflusses auf das Landschaftsbild sowie für den Biotop- und Artenschutz über Streuobstförderprogramme zu fördern. Schwierig gestaltet sich die Nachpflanzung von alten und bewährten Sorten, da diese aus der Vermehrung ver­schwunden sind. Erst langsam steigt wieder die Nachfrage nach alten Sorten und die Baumschulen beginnen auch wieder solche Sorten zu vermehren.
In Waldalgesheim kümmern sich die Heimatfreunde seit ihrer Gründung im Jahre 1994 um die noch zahlreich vorhandenen Streuobstwiesen der Gemeinde: Sie küm­mern sich nicht nur um die Pflege des Bestandes, sondern vor allem auch um Neu­pflanzungen. Insbesondere die alten und bewährten Sorten stehen dabei im Vorder­grund. Durch eigene durchgeführte Veredelungen – mit der Methode des Pfropfens – konnte schon manch traditionelle Apfelsorte vom Aussterben gerettet und wieder vermehrt werden:
Der sogenannte „Große Rheinische Bohnapfel“(in Allesem „Bohnappel“ genannt), um 1800 im Neuwieder Becken entdeckt, zählt wegen seines ausgeprägten Aromas zu den besten Apfel­sorten für die Verwertung. Die Äpfel reifen spät und sind bis Juni haltbar. Die Bäume sind robust und widerstandsfähig und können sehr alt werden. 2013 haben die Heimatfreunde davon am Galgenberg 3 neue Bäume gepflanzt; einer steht im Kappesfeld (hinter der KVW-Halle) auf dem Grundstück der kath. Kir­chengemeinde (uffem Kärchestick). Der „Schöne von Boskopp“, den man auch in vielen heimischen Gärten findet, gehört ebenfalls zu den „alten Sorten“: Auf den stark wachsenden Bäumen gedeihen die spätreifen, lang haltbaren, säurebetonten Tafel- und Back­äpfel. Der Boskoop wurde 1856 als Zufallssämling in Boskoop/Niederlande gefun­den. Im Bereich der Gemarkung Nauwiese entlang der K 29 zwischen Einmün­dung Oberstraße und Holz-Hackschnitzel-Nahwärmezentrale stehen einige Exemp­lare davon. Auch der „Rote Eiser“, bei uns „Kohlappel“ genannt, gehört zu den histo­rischen Apfelsorten. Er war bereits im 16. Jahrhundert bekannt und bis in die 1950er weit verbreitet, weil er hervorragend lagerfähig ist und sich für Saft und Most gut eig­net. Die Heimatfreunde haben in den 90er Jahren einige Exemplare davon im Bereich Nauwiese und in den Kappesfeldern (östlich EDEKA-Markt) neu gepflanzt.
Entlang der Oberstraße (zwischen Einmündung K29 und den ersten Häusern) und auf der Wiese unterhalb der Oberstraße finden sich noch viele Apfelbäume aus den 1930er Jahren. Folgende Sorten sind vertreten: Cox Pomona (Tafelapfel), Zitronen­apfel (edelsäuerlich, bevorzugter Back- und Dessertapfel), Kaiser-Wilhelm-Apfel (Tafelapfel – bis März lagerfähig – sowie Saft und Mostapfel), Roter Ziegler (säuer­licher Mostapfel, lagerfähig nur bis Januar), Weißer Winterkalvill (geschmacklich hochwertiger Tafelapfel, Dezember bis April) sowie der Schöne aus Bath (frühreifer Tafelapfel, säuerlicher, erfrischender Geschmack, allerdings nur wenige Wochen haltbar).
Unterhalb des Grillplatzes am Galgenberg wurde von den Heimatfreunden vor ca. 15 Jahren ein Apfelbaum der Sorte Goldparmäne, die schon im Mittelalter bekannt war, neu gepflanzt. Die süßsäuerlichen Äpfel haben eine glatte, glänzende, grünlichgelbe Schale. Das Fruchtfleisch ist gelblichweiß und saftig (genussreif Oktober bis Januar). Die Goldparmäne hat eine besondere Eigenschaft: Die Bäume eignen sich auch für höhere Lagen.
Auch Birnbäume gehören zu den Streuobstbeständen. Aus dem Bestand der 30er Jahre finden wir beispielsweise in der Oberstraße die sogenannte Oberöster­reichische Mostbirne (bei uns als „Lange Windesheimer“ bekannt); sie findet über­wiegend Verwendung als Mostbirne.
Da es sich bei den Hochstamm-Obstbäumen um alte Kultursorten handelt, können diese nach der Pflanzung nicht einfach sich selbst überlassen werden; sie bedürfen einer regelmäßigen Pflege: Die Arbeiten beginnen mit dem Baumschnitt im Frühjahr. Zu den regelmäßig wiederkehrenden Arbeiten gehört beispielsweise auch das Offenhalten der Baumscheiben in der Hauptwachstumszeit, insbesondere in den ersten Jahren nach der Pflanzung. Auch die Kontrolle des Stammes und der Vered­lungsstelle (Beseitigung von Seitenaustrieben) müssen regelmäßig erfolgen. Um die Bäume umweltschonend und effektiv vor Schädlingen zu schützen, werden Leim­ringe ange­bracht und immer wieder erneuert. Damit kann verhindert werden, dass die Frost­spinner-Weibchen im Herbst an den Stämmen hochklettern und in den Bäumen ihre Eier ablegen. Auch Blattläuse und Ameisen werden im Frühjahr auf einfache Weise abgehalten.
Mit der Obsternte schließt sich der Jahreskreis. Die Heimatfreunde bringen das geerntete Obst nach Gebroth im Hunsrück zur Herstellung von Apfelsaft. Der Apfel­saft wird zum großen Teil den beiden Kindergärten unentgeltlich zur Verfügung gestellt und eigengenutzt. Im Durchschnitt beträgt die Jahresernte ca. 1 Tonne.

Die Erhaltung, Pflege und Weiterentwicklung der Streuobstwiesen gehört zu den zentralen Aufgaben der aktiven Heimatfreunde, der sogenannten „Dienstagsgruppe“. Mehr dazu an anderer Stelle in diesem Heft.

Mit ihrem Engagement wollen die Heimatfreunde die Streuobstbestände wieder mehr ins Bewusstsein rücken und auf die Bedeutung der Streuobstwiesen für Mensch und Tier aufmerksam machen. Auch leisten sie damit einen wichtigen Beitrag zur Pflege und Erhaltung unserer schönen Kulturlandschaft.

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